Die Ursprünge der Violinschule

Leopold Mozarts Violinschule ist das erste umfassende deutschsprachige Lehrwerk, das sich sowohl mit der Technik des Violinspiels als auch mit seiner Ästhetik befasst. Sie gehört zu einer Gruppe von bedeutenden pädagogischen Schriften, die um 1750 in Europa veröffentlicht wurden und die ersten ernsthaften Violinschulen überhaupt darstellen. Anders als ihre "Konkurrenz-Produkte" in englischer und französischer Sprache hat Leopold Mozarts Violinschule bis heute ihre Gültigkeit bewahrt.

Das Erscheinen umfassender Violinschulen im Europa des 18. Jahrhunderts war die Folge langer instrumental-musikalischer und ästhetischer Entwicklungen. Nördlich der Alpen und in Frankreich war die Violine zunächst ein volkstümliches Instrument gewesen, das als Ensemble-Instrument, also nicht solistisch, für die Tanzmusik eingesetzt wurde. Ihren Eingang in die Kammermusik der Residenzen fand die Violine am Anfang des 16. Jahrhunderts - jedoch weiterhin in Begleitung anderer Instrumente.

Anfang des 17. Jahrhunderts hatte sich die Violine, wie die Musik dieser Zeit aufzeigt, europaweit als vollwertiges Soloinstrument etabliert. Mit dem wachsenden Interesse an das nun salonfähige Instrument entstand eine Nachfrage nach musikpädagogischen Werken zum Erlernen des Violinspiels. Die ersten Anleitungen zum Geigenspiel waren Teile allgemeiner Musiklehren und befassten sich lediglich mit allgemeinen Grundsätzen des Violinspiels. Sie beinhalten in der Regel eine elementare Notenlehre, Anfänge der Musiktheorie sowie Ausführungen zu anderen Instrumenten.

Leopold Mozarts revolutionäres Lehrwerk brach mit der Tradition der frühen deutschen Traktate: sie hatte einen europäischen Anspruch. Beim Erfassen seines Werkes orientierte Mozart sich an dem international maßgebenden italienischen Modell, das ab Anfang des 18. Jahrhunderts eine ernsthafte Konkurrenz zur deutschen Violinschule darstellte. Richtungsweisendes Vorbild seiner Arbeit war die Violinschule von Giuseppe Tartini (1692 - 1770), welche in Form von Mitschriften seiner Studenten in ganz Europa kursierte.

Als Komponist und Musiktheoretiker war Leopold Mozart mit der deutschen Violinmusik bzw. Violintechnik vertraut. Ihm war sehr wohl klar, dass diese auf den deutschsprachigen Raum begrenzt waren und nicht europäische Gültigkeit erreichen konnten. Ihm gelang ein systematisches, internationales Werk, mit dem er die Violinpädagogik auf die Grundlage der geistigen Welt der Aufklärung brachte.